Wie stellt sich ein Barcode zusammen?
Was ist ein Barcode, wie funktioniert er und welche Arten gibt es? Aufbau, 1D- vs. 2D-Codes, EAN, QR-Code und Tipps für lesbare Barcodes in der Praxis erklärt.
Kennen Sie das Gefühl, wenn Sie an der Kasse stehen und der Kassierer einfach kurz über den Scanner zieht, und das war's? Ich finde das ehrlich gesagt nach wie vor faszinierend. Nicht weil es besonders spektakulär aussieht, aber wenn man weiss, was in diesem Moment alles passiert, ist es eigentlich ziemlich beeindruckend.
Das System dahinter heisst EAN. Oder GTIN. Oder GS1. Je nachdem, wen Sie fragen und wann die letzte Umbenennung war. Aber dazu gleich mehr.
EAN steht für "European Article Number". Der Name ist ein bisschen irreführend, weil das System längst global ist, aber der Begriff hat sich so tief ins kollektive Gedächtnis gebrannt, dass niemand aufgehört hat, ihn zu benutzen. Offiziell heisst es heute GTIN, Global Trade Item Number. Und die Organisation dahinter nennt sich GS1.
Wenn jemand also von "EAN-Nummer" spricht, meint er die GTIN. Wenn er von "EAN-Code" spricht, meint er den Barcode, also die grafischen Striche auf der Verpackung. Und GS1 ist die Organisation, die das alles verwaltet und die Nummern vergibt. In der Schweiz macht das GS1 Switzerland.
Im Alltag sagt fast jeder einfach "EAN" und meint damit alles drei zusammen. Das ist völlig in Ordnung.
Die eigentliche Idee ist simpel: Jedes Produkt bekommt eine weltweit eindeutige Nummer. Nicht das Unternehmen, nicht die Produktkategorie, sondern genau dieses eine Produkt in genau dieser Variante. Eine rote Zahnbürste in Grösse M hat eine andere EAN als die gleiche in blau. Oder in einer anderen Verpackungsgrösse. Klingt aufwendig, ist aber der Grund, warum das System so gut funktioniert.
Nehmen wir eine fiktive Schweizer EAN: 7612345678900
Die sieht erstmal aus wie eine zufällige Zahlenfolge. Ist sie aber nicht.
Die ersten zwei bis drei Ziffern, in diesem Fall 76, sind das Länderpräfix. Es zeigt, bei welcher nationalen GS1-Organisation das Unternehmen registriert ist. Wichtig: Das ist nicht das Herstellungsland. Ein Schweizer Unternehmen, das in Vietnam produziert, hat trotzdem ein Schweizer Präfix. Ein iPhone beginnt nicht mit einem chinesischen Code, obwohl es dort gebaut wird, weil Apple in den USA registriert ist.
Für die Schweiz ist das Präfix 760 bis 769. Deutschland hat 400 bis 440, Österreich 900 bis 919, Frankreich 300 bis 379.
Dann kommen die Unternehmensnummer und die Artikelnummer, zusammen etwa 9 Stellen. Die Unternehmensnummer vergibt GS1, die Artikelnummer das Unternehmen selbst. Wie viele Stellen auf jede entfallen, hängt davon ab, wie viele Produkte ein Unternehmen hat. Grosse Konzerne mit tausenden Produkten bekommen eine kürzere Unternehmensnummer, damit mehr Platz für Artikelnummern bleibt.
Und die letzte Ziffer? Das ist die Prüfziffer. Sie wird mathematisch aus den ersten 12 Stellen berechnet und dient einzig dazu, Lesefehler zu erkennen. Liest der Scanner einen Code falsch, stimmt die Prüfziffer nicht, und das System weiss sofort: da ist etwas schiefgelaufen.
Das ist eigentlich einer meiner Lieblingsaspekte an der EAN, weil es so elegant simpel ist.
Jede der ersten 12 Ziffern wird mit einem Gewichtungsfaktor multipliziert: ungerade Positionen (1, 3, 5, 7, 9, 11) mit 1, gerade Positionen (2, 4, 6, 8, 10, 12) mit 3. Dann alles addieren, und die Prüfziffer ist die Zahl, die fehlt, um auf die nächste volle 10 zu kommen.
Am konkreten Beispiel 761234567890:
| Position | Ziffer | Faktor | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| 1 | 7 | ×1 | 7 |
| 2 | 6 | ×3 | 18 |
| 3 | 1 | ×1 | 1 |
| 4 | 2 | ×3 | 6 |
| 5 | 3 | ×1 | 3 |
| 6 | 4 | ×3 | 12 |
| 7 | 5 | ×1 | 5 |
| 8 | 6 | ×3 | 18 |
| 9 | 7 | ×1 | 7 |
| 10 | 8 | ×3 | 24 |
| 11 | 9 | ×1 | 9 |
| 12 | 0 | ×3 | 0 |
Summe: 110. Die nächste volle 10 darüber ist 120. Also: 120 minus 110 = 10, und 10 mod 10 = 0. Prüfziffer ist 0.
Vollständige EAN: 7612345678900. Stimmt mit unserem Beispiel überein.
Scanner machen diese Rechnung bei jedem Scan in Microsekunden. Automatisch, ohne dass jemand nachdenkt. Und wenn die Prüfziffer nicht stimmt, wird der Code zurückgewiesen. Das ist der Grund, warum Tippfehler an der Kasse praktisch nicht mehr vorkommen.
Das ist einer der häufigsten Gründe, warum Leute nach EAN-Nummern suchen. Man will wissen, ob ein Produkt wirklich aus der Schweiz stammt, oder aus China, oder wo auch immer.
Die ehrliche Antwort: Der Ländercode zeigt das Registrierungsland bei GS1, nicht das Produktionsland. Das ist ein wichtiger Unterschied. Trotzdem gibt er einen Hinweis auf den Sitz des Unternehmens, das hinter dem Produkt steckt.
Die wichtigsten Präfixe sind:
| Präfix | Land |
|---|---|
| 000-019 | USA und Kanada |
| 300-379 | Frankreich |
| 400-440 | Deutschland |
| 450-459, 490-499 | Japan |
| 460-469 | Russland |
| 500-509 | Grossbritannien |
| 540-549 | Belgien und Luxemburg |
| 570-579 | Dänemark |
| 590 | Polen |
| 640-649 | Finnland |
| 690-699 | China |
| 700-709 | Norwegen |
| 730-739 | Schweden |
| 760-769 | Schweiz |
| 800-839 | Italien |
| 840-849 | Spanien |
| 868-869 | Türkei |
| 870-879 | Niederlande |
| 880 | Südkorea |
| 890 | Indien |
| 900-919 | Österreich |
| 930-939 | Australien |
Die vollständige Liste gibt's auf gs1.org.
Auf einem Lippenstift oder einer Streichholzschachtel ist kein Platz für 13 Stellen. Dafür gibt es den EAN-8, eine verkürzte Version mit 8 Ziffern. Aufbau ähnlich, aber ohne separate Unternehmensnummer. EAN-8-Nummern werden direkt von GS1 vergeben, das Unternehmen kann sie nicht selbst zusammenstellen.
Der erste Barcode-Scan der Geschichte fand am 26. Juni 1974 in einem Supermarkt in Ohio statt. Es war ein UPC-Code, das amerikanische System, auf einer Packung Kaugummi. Dieser Moment gilt als Geburtsstunde des modernen Barcodes.
In Europa erkannte man schnell: Das brauchen wir auch, aber besser. Der amerikanische UPC hatte nur 12 Stellen und keinen Ländercode. Für internationalen Handel zu wenig. Also entwickelte man den EAN-13 mit 13 Stellen und Länderpräfix. 1976 wurde er eingeführt, und im selben Jahr gründeten europäische Verbände die European Article Numbering Association.
Ab 1977 begannen erste Unternehmen, ihn wirklich zu nutzen. In Deutschland war das Wuppertaler Unternehmen Wichartz eines der ersten.
Das System wuchs. Mehr Länder kamen dazu, der Name "European" passte nicht mehr, also wurde 1990 in "EAN International" umbenannt. Und 2005 fusionierte EAN International mit der amerikanischen UCC zur heutigen Organisation GS1. Seitdem heisst die EAN offiziell GTIN. Den alten Namen hört man trotzdem noch überall.
Bevor Barcodes existierten, war Handel ein manuelles Geschäft. Preise wurden an der Kasse eingetippt, mit allen Fehlern, die das mit sich bringt. Inventuren dauerten Tage. Ein Produktrückruf war ein logistischer Albtraum.
Mit der EAN änderte sich das. Nicht auf einen Schlag, aber Stück für Stück. Was mich dabei am meisten beeindruckt: Es geht nicht nur um Geschwindigkeit an der Kasse. Die EAN ist die Grundlage für Dinge, die wir heute als selbstverständlich betrachten. Self-Checkout. Automatische Nachbestellungen. Preisvergleichs-Apps. Lebensmittelrückverfolgung bei Rückrufen. All das funktioniert, weil jedes Produkt eine eindeutige, weltweit lesbare Nummer hat.
Und das in einer Welt, wo Millionen verschiedener Produkte von tausenden Herstellern in hunderten Ländern gehandelt werden. Dass das reibungslos funktioniert, ist eigentlich bemerkenswert.
Im Lebensmittelhandel ist die EAN unverzichtbar, besonders bei Rückrufen. Wenn ein Produkt kontaminiert ist, lässt sich dank EAN in Minuten feststellen, welche Chargen betroffen sind und wo sie liegen.
Im Buchhandel wird die ISBN als EAN-13 codiert. Jede Ausgabe, jede Sprache, jedes Format bekommt eine eigene Nummer.
In der Elektronikbranche hat jede Produktvariante eine eigene EAN. Ein Smartphone in 128 GB hat eine andere Nummer als dasselbe Modell in 256 GB.
In der Pharmaindustrie ist die Kennzeichnung mit EAN/GTIN in vielen Ländern gesetzlich vorgeschrieben, wegen Fälschungsschutz und Rückverfolgbarkeit.
Im E-Commerce verlangen Plattformen wie Amazon oder Digitec eine gültige EAN für die Produktlistung. Ohne EAN kein Listing.
Und in der industriellen Produktion, in Reinräumen, in der Logistik: überall dort, wo Produkte eindeutig identifiziert werden müssen, auch unter anspruchsvollen Bedingungen, kommen spezielle Etiketten und Drucksysteme zum Einsatz, die EAN-Codes zuverlässig lesbar halten.
Wer Produkte im Handel vertreiben will, braucht eine offizielle EAN. Der Weg dazu führt in der Schweiz über GS1 Switzerland (gs1.ch).
Dort beantragt man eine Mitgliedschaft, gibt Unternehmensdaten an und teilt mit, wie viele Nummern man ungefähr braucht. Daraus ergibt sich der Nummernblock. Es fallen eine einmalige Registrierungsgebühr und jährliche Mitgliedsbeiträge an, deren Höhe vom Umsatz und der Anzahl benötigter Nummern abhängt. Aktuelle Tarife direkt auf gs1.ch.
Einen Punkt sollte man sich merken: Es gibt Anbieter, die EAN-Nummern günstig verkaufen, ohne GS1-Mitgliedschaft. Das klingt verlockend. Ist es aber nicht. Diese Nummern sind nicht auf das eigene Unternehmen registriert, und viele grosse Händler und Plattformen verlangen nachweislich bei GS1 registrierte Nummern. Listings werden gesperrt, wenn das nicht der Fall ist.
Ausserdem: Jede Produktvariante braucht eine eigene EAN. Jede Farbe, jede Grösse, jede Verpackungsvariante. Das sollte man von Anfang an einplanen.
Die EAN/GTIN wird noch lange der Standard bleiben, aber die Technologie drumherum entwickelt sich weiter. 2D-Codes und QR-Codes können weit mehr Informationen speichern. GS1 arbeitet mit dem Projekt "GS1 Digital Link" daran, direkt aus dem Code auf Produktwebseiten oder Rückverfolgungsdaten zu verlinken.
RFID ermöglicht kontaktloses Lesen ohne Sichtkontakt, in der Logistik bereits weit verbreitet.
Und der digitale Produktpass, den die EU plant, wird die EAN/GTIN als zentralen Identifikator nutzen. Hersteller werden verpflichtet sein, umfangreiche Produktdaten digital bereitzustellen. Die EAN ist der Schlüssel, mit dem auf diese Daten zugegriffen wird.
Was auch immer kommt: Jedes Produkt braucht eine eindeutige, weltweit lesbare Identifikation. Das wird sich nicht ändern.
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